Folge XV: Nicht nur zur Weihnachtszeit

Planende Voraussicht und konzentrierteste Umsicht im Schmückvorgang sind die Bedingung der Möglichkeit eines glücklichen Weihnachtsfestes. © by aismallardPlanende Voraussicht und konzentrierteste Umsicht im Schmückvorgang sind die Bedingung der Möglichkeit eines glücklichen Weihnachtsfestes. © by aismallard

… oder die deutsche Weihnachtsneurose

Wenn es weihnachtet, kommt in guter deutscher Tradition auch ein Zwang nach dem anderen um die Ecke. Obsessives Verspeisen der immer gleichen Speisen, ritualisierte Abläufe, die dennoch jedes Jahr dieselbe Gefahr laufen, zu misslingen und IST DER BAUM AUSREICHEND GESCHMÜCKT?! 1952 verpackte Heinrich Böll mit psychologischem Scharfsinn und loriotscher Beobachtungsgabe alles, was zu Weihnachten in Nachkriegsdeutschland zu sagen ist mit seiner Geschichte Nicht nur zur Weihnachtszeit in ein großes kleines literarisches Geschenk, welches wir nun auspacken. Dabei wird so allerhand deutlich, nämlich dass wir womöglich immer noch in Nachkriegsdeutschland leben. Traumata und Neurosen werden nicht nur in Individuen, sondern in Familiensystemen und ganzen Kulturgemeinschaften gespeichert und weitergegeben. Das erklärt, wieso viele von uns sich neben dem Weihnachtsbaum der Großmutter als Kinder noch gefühlt haben könnten, wie Wachsfiguren. Dass es bei den Themen Krieg, Verdrängung, traumatischer Neurose oder gar Psychose nichts zu lachen gibt, ist eigentlich klar, wird aber in Bölls Satire widerlegt. Etwas anderes können wir euch zum alljährlichen WICHTIGSTEN FEST auch nicht raten: Trotzdem lachen. (Und weinen.)

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December 24, 2022

Anleitung zum rechten Gebrauch der Ironie

Es gab sie, die vorironischen Zeiten. © by Archaeo-iranEs gab sie, die vorironischen Zeiten. © by Archaeo-iran

  1. Unsere postmoderne, achselzuckende Relations- und Referenzkultur kommt aus den ironischen Inszenierungen, in die sie sich verwickelt hat, nicht heraus; wo aber praktiziert wird, stellt sich die Frage nach dem richtigen Handeln, nach einem Sollen.

  2. Ironeia, welche der hemdsärmelige Spitzbub Friedrich Schlegel erstmals als Muse der Urbanität gekürt hat, ist heute eine selbstverständliche Gepflogenheit in der Alltagskommunikation der Großstädter. Ironie ist ein Zivilisationsgut, ein spätes Reflexivwerden - kein Jäger und Sammler war ironisch. Die bittersüße Frucht der Ironie reift zu später Stunde am Baum der Erkenntnis, welcher längst in den Central Park moderner Massenkommunikation umgepflanzt wurde.

  3. Ironie vertreibt und lockert das kritische Bewusstsein von den Sachen, die in ihm so wissenschaftlich-streng geschieden sind. Solange sie nicht zu Sarkasmus und Zynismus wird, macht sie das Gespräch geschmeidig, indem sie Konfrontation abschwächt, Konfliktpotenzial dämpft, die Bedeutungen und Verständnisebenen vervielfältigt, ernsthafte Auseinandersetzung hingegen vermeidet. Sie moderiert jeden Radikalismus und kann daher als eine Tugend des Liberalismus und Pluralismus genommen werden und liefert die Maske für das Theater der Straße.

  4. Die eigene Existenz und die der Anderen in Anführungszeichen zu setzen, das Alltagsgeschehen als Theater, die Welt als Bühne aufzufassen, was S. Sontag als Camp” kultivierte, ist das federleichte Ethos der Ironie. Das Verschweben der Person darf aber nicht zur Entweltlichung führen, die ironische Demontage des Subjekts kann sich in eine monologischen Endstation verwandeln.

  5. Das durchironisierte Subjekt der Kunstwelt hat sich an der süßen Nachspeise der Ironie überfressen und kann einen ironischen von einem ernsten Satz kaum noch unterscheiden und einen ernsthaften Satz in seiner Normalität überhaupt nicht mehr ertragen.

  6. Die Ironie ist eine Intelligenz, die einen verführerischen Schein ausstrahlt. Denn sie lädt dazu ein, den bornierten Alltagsverstand für eine höhere, distinguierte, ja elitäre Sprechform auszutauschen. Weil sie aber den Menschenverstand und die Klugheit ausspielen will, ist sie dem Narrentum weitaus verwandter und kann stets dialektisch umschlagen in Nonsens, der weit unter dem gemeinen Menschenverstand anzusiedeln ist.

  7. Ironie ist gleichermaßen Ausdruck von Mangel und Fülle: Als kommunikative Offerte bewältigt sie permanente Überforderung und allgemeine Unübersichtlichkeit der Situation, indem sie aus dem Mangel an Wissen und Kompetenz ein gewusstes Nicht-Wissen formt. Sie hat kein Wissen von etwas, sondern ein Wissen von der Hinlänglichkeit aller Formen des Sprechens, Wissens und Denkens.

  8. In der ironischen Mitteilungsform kann Faulheit und Defätismus liegen: Weil man im Moment mehr sagen will, als man kann oder von einer Sache, die man nicht recht verstanden, souverän sprechen will, beflügelt man seine Botschaften, sodass sie über das Gesagte hinausschießen in die exotischen Landstriche des Unaussprechlichen und den begrenzten Sinn eines Satzes entgrenzen. Wenn man qua Ironie mehr sagen will, als man zu sagen hat, handelt es sich um rhetorisches Blendwerk, kommunikatives Doping, wenn man hingegen erkannt hat, wo Ironie ihr Vetorecht in den Situationen des menschlichen Lebens hat, dann lässt sich mit ihr ein Quantum Unaussprechlichkeit ansprechen.

  9. Ironie ist nicht das Mittel, wie es die Humanisten gern sehen würden, um die abstrakte Kunst mit dem Leben zu versöhnen. Die bleibt abstrakt und nicht auf Versöhnung oder Verständnis angelegt, auch wenn man eine sinnlich gewordene Abstraktheit wie die Ironie für und gegen sie bemüht.

  10. Mit der Ironie ist nicht fertig zu werden, umgekehrt macht sie einen fertig. Wer ironisiert und sich dabei überlegen glaubt, verkennt, dass er die Ambivalenz und Irritation nicht nur für die Anderen herstellt, sondern genauso für sich selbst. Der doppelte Grund, den die Ironie ausrollt, ist ein Ungrund, der Sprecher wie Gesprochenes verschluckt; darin liegen Rausch und Verführungskraft der Ironeia.

  11. Weltironie liegt im Lächeln der Mona Lisa. Man soll nicht von oben ironisieren, die Ironie hier und da ins Spiel bringen, sondern seine Blicke schärfen für das Spiel, das gespielt wird. Die Ironie hat zwei Abstraktionsrichtungen: sie kann aus den Lebenssituationen heraustreten, sie kann umgekehrt in sie eintreten lassen.

  12. Wenn es ein intellektuelles Sinnesorgan für die Ironie gibt, aus dem sie sich entwickeln konnte, dann ist es erkrankt. Das Totalisieren der Ironie führt in postironische Gleichgültigkeit gegenüber jeder Bedeutung und dem Sinn überhaupt. Sie nimmt lebensfeindlichen Charakter an, entwertet alle Mitteilungen und lässt ihre Apologeten im Nirwana der Indifferenz versinken. Entweder man schärft seine intellektuellen Wahrnehmungssinne für die vielfältigen Formen der Ironie - es gibt so viele Ironien wie Parfümsorten - und lernt sie zu dosieren oder eine Entzugskur der Ernsthaftigkeit tut not.

    von BWG

December 19, 2022

Folge XIV: Kitsch

Googlen Sie mal “Flamingobrunnen”, “Florian Arnold” und “Design und Strafe”. © by ZDFGooglen Sie mal “Flamingobrunnen”, “Florian Arnold” und “Design und Strafe”. © by ZDF

Phänomenologie des Kitsches vs. Camp

Wir beschäftigen uns mit Grundfragen der Ästhetik anhand des notorisch gering geschätzten Kitsches. Was ist guter Geschmack, was ist schlechter Geschmack? Wir klären diese jahrtausendealte Streitfrage ein für alle mal. Der Kitsch jedenfalls wird vom Heidelberger Philosophen Ludwig Giesz zwar auch als kulturelles Phänomen aufgefasst, vor allem aber als Phänomen im Sinne der Phänomenologie! Die ästhetischen Zustände, die er am Subjekt analysiert, stellen sich den ästhetischen Gegenständen der Vertreter einer jeden objektiven Ästhetik (z.B. Adorno) entgegen. Ein eher konservativer Einschlag lässt Giesz abseits der Methodik dennoch kitschige Kulturerzeugnisse in scharfen Gegensatz zur (wahren) Kunst setzen. Dagegen geht Susan Sontag zur beinahe gleichen Zeit auf der anderen Seite des Atlantik vor. Ihr Camp ist moralfrei und meint Kitsch, der als lebendiges, antielitäres Kulturprodukt Läuterung erfahren kann. Alles kann Kitsch sein, alles Camp - sodass wir uns am Ende vor allem fragen, was die ganze Aufregung eigentlich soll und ob wir nicht deutschen Bierernst gegen Heiterkeit eintauschen sollten, auch in Fragen der Ästhetik. Einen wahren Gegner bedeutungsvoller ästhetischer Lebensgestaltung und -erschließung gibt es dabei womöglich doch. Es ist der Lifestyle, der bloß noch ästhetische Erzeugnisse sich wünscht, die er sich leisten kann, ohne zur Frage herausgefordert zu werden: Muss ich mein Leben ändern?” Die Ästhetisierung der Lebenswelt droht dann, Deko zu werden und damit der Kunst die Bedingung ihrer Möglichkeit zu entziehen. Überdies werden meist Leben dekoriert, deren latenter Sinnmangel sinnlich kompensiert werden soll.

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December 17, 2022

Folge 25: Anlasslose Feste

Hier wird ein Fest gefeiert. “Ein hundertjähriges Jubiläum der Unabhängigkeit” von Henri Rousseau, 1892.Hier wird ein Fest gefeiert. “Ein hundertjähriges Jubiläum der Unabhängigkeit” von Henri Rousseau, 1892.

Feiern in der Spätmoderne oder die Ästhetisierung der Lebenswelt

Bald weihnachtet es und Weihnachten ist ein Fest. Was daran noch feierlich ist besprechen wir am 24.12. Vorab gilt es zu klären - Wie wird überhaupt gefeiert in nachmetaphysischen Zeiten? Religion und Politik geben nicht mehr den Ton an, also behelfen wir uns durch Ästhetisierung und probieren, das Fest zum Alltag zu machen. Dass damit ein alter Traum der Romantiker verwirklicht wird, hilft wenig, denn es funktioniert immer noch nicht. Funktioniert haben die Feste einmal, sie vergegenwärtigten das Leben in Ausnahmesituationen und stifteten höheren Sinn. Das und mehr lernen wir vom Heidelberger Philosophen Rüdiger Bubner, dessen Thesen zur Ästhetisierung der Lebenswelt” wir besprechen. Aber ist wirklich alles sinnlos geworden? Einige Rettungsversuche auch zu Gunsten der anlasslosen Feste unternehmen wir freilich. Selbst wenn nichts” mehr gefeiert wird, geschehen beim Feiern doch wichtige Dinge!

December 11, 2022

Folge XIII: Vereinzelung im Kollektiv

Mit Karl Jaspers gegen die Gesellschaft

Leistungs- und Steigerungslogik, soziale Rollen, Technisierung und technische Befriedigung unserer Bedürfnisse nach echter Gemeinschaft - alles unausweichlich, weil anthropologisch bedingt? Wir meinen dann doch: nein. In unserer Kurzfolge beschäftigen uns weiter die Grenzen der Grenzschrift. Die Diagnose heute: Gesellschaft kann schief gehen. Jedes Kollektiv, ob Gemeinschaft oder Gesellschaft, ist auf Beziehungen angewiesen. Je flacher, schneller und zweckmäßiger diese Beziehungen werden, desto mehr Mobilität hat zwar eine Gesellschaft, desto entfremdender wirkt jedoch das Kollektiv auf den Einzelnen. Denn wie laut Plessner so auch laut Karl Jaspers wird meist eines vergessen: Die Beschaffenheit der menschlichen Psyche, welche Schutz und Distanz vor dem Kollektiv braucht (Plessner), welche aber auch existenziell in ihren Bedürfnissen auf direkte, unvermittelte Versorgung durch das Kollektiv angewiesen ist (Jaspers). Es genügt also nicht, wenn der moderne, spätmoderne, liberale, neoliberale Mensch Erwachsensein und Reife definiert als sein Maß der Ungebundenheit, der sozialen Mobilität und Flexibilität. Gelten allein diese Werte, dann leiden wir unter einem Radikalismus von Gesellschaft.

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November 13, 2022

Wir sind wie Sam und Frodo

Giorgia Meloni. © by QuirinaleGiorgia Meloni. © by Quirinale

Ein Porträt des kulturellen Umfelds Giorgia Melonis

von Til Eyinck

Es gibt wohl Familien, in denen Literatur eine geringere Rolle spielt, als es in der von Giorgia Meloni der Fall ist. Ihre Mutter schrieb unter dem Pseudonym Josie Bell“ immerhin über 100 Groschenromane, darunter Unforgettable man, Love holiday, A charming Cinderella. Spekulationen darüber, ob Giorgia die Bücher ihrer Mutter wirklich im Detail kennt, wären unlauter, sicher ist jedoch, dass sie ihr Wort sehr ernst nimmt: Mutter ist unser Familien-Genie, sie weiß über alles Bescheid, auch über Hawkins‘ Theorie der schwarzen Löcher“. Giorgia selbst ist seit ihrer Jugend ein bekennender Tolkien-Fan, sie bestückte eine ihrer ersten nationalkonservative Reden mit einer Mittelerde-Allegorie. Auch ihre Schwester atmet Tolkien förmlich und widmete Giorgia unlängst die Worte: du hast dich als Frau und Mutter in einer Welt behauptet, die vor allem Frauen nichts schenkt“, ich werde Dich begleiten […], wie Sam Frodo, wohl wissend, dass es deine Geschichte sein wird, die man sich erzählen wird“.

Und in der Tat ist Giorgia stolz auf ihr Frausein — und auf ihren weiblichen Vornamen. Ihre bekannteste Rede beinhaltet den mittlerweile untrennbar mit ihr verbundenen Ausruf: Ich bin Giorgia, Ich bin eine Frau, ich bin Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin.“ — Wohl nicht nur wegen der unfreiwilligen Sprachmelodie dieser Worte, machte das Internet daraus prompt einen Techno-Remix. Da das mindestens scherzhaft, wenn nicht parodistisch gemeinte, dazugehörige Musikvideo sich großer Beliebtheit erfreute, stieg darüber letztlich auch das Interesse für die Rede. — Es gibt sogar schon ein spanisches Reggaeton-Pendant: Yo soy Giorgia. Ob Giorgia oder ihr Fratelli D’Italia-Team wohl auch solche Lieder im Sinn hatten, als in einem ihrer Posts zu lesen war die Verbreitung der italienischen Musik und Kultur voranzubringen war stets das Ziel der Fratelli D’Italia“? Giorgia hat den Hype jedenfalls genutzt und ihre Biografie kurzerhand Ich bin Giorgia genannt.

Ein Glück, möchte man fast sagen, ist es in ihrem Parteiumfeld unüblich, sich nicht nur über den Vornamen, sondern auch über den Familiennamen zu profilieren. Denn dann würde wohl auch die Parteigenossin Rachele ins Mikro schreien: ‚Ich bin Rachele Mussolini‘. Die Enkelin des Duce ist in der italienischen Rechten politisch aktiv. Meloni warnt die Öffentlichkeit aber vor einer Vorverurteilung: Ich glaube, ihr Nachname kann weder Vorteil noch Nachteil sein“.Und wäre die Angelegenheit nicht so ernst, könnte man hier gleich den nächsten Song wittern — immerhin ist Rachele nicht nur die Enkelin des Diktators, sondern auch die Tochter eines erfolgreichen Jazzmusikers, bekannt unter anderem aus der nach ihm benannten Band Romano Mussolini All Stars. Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Duke Ellington und Chet Baker teilten mit ihm die Bühne und das Studio.

Wer jetzt meint, die Assoziation Jazz und Meloni sei hier bloß ad-hoc und zum Wohle des Feuilletonismus hervorgebracht, dem sei dieser Post der Parteivorsitzenden ins Gedächtnis gerufen: Herzliches Beileid zum Tod von Giampiero Rubei, Rom und Italien verlieren einen großen Kulturschaffenden“. Hier schließt sich auch der Mittelerde-Kreis: Rubei, dem Meloni hier gedenkt, selbst, wie Romano Mussolini, einer der bekannteren italienischen Jazzer, war nicht nur Musiker, sondern auch einer der Organisatoren der sogenannten ‚Hobbit-Camps‘, über die auch Meloni nachweislich in ihrer Jugend mit radikalen politischen Positionen in Kontakt kam. Darüber berichtete kürzlich die New York Times. In den Camps tauchte man nicht nur in Tolkien-Welten ein, man sang auch rechtsnationale Lieder. Die neunzehnjährige Meloni, von der man derzeit im Verhältnis zu früher etwas gemäßigtere Töne vernimmt, hat jedenfalls 1996 bekanntlich noch euphorisch kundgegeben: Mussolini war ein guter Politiker, […] so einen hat es die letzten fünfzig Jahre nicht gegeben“.

Der Sohn des Duce hat im Gegensatz zu seinem Jazzer-Kollegen lange eine reservierte Haltung zur mit dem eigenen Namen verwobenen Geschichte Italiens eingenommen — bis in die Sechziger trat er nicht unter seinem Familiennamen auf. Erst spät bemühte er sich dann jedoch um die Publikation des Buchs Mein Vater, der Duce und beschrieb darin den Diktator als einen hingebungsvollen Familienmenschen. In einem 2001 für das Onlinemagazin Garda Post geführten Interview erinnert er sich beinahe verträumt an das Jahr 1943: Schöne Erinnerungen, als Familie waren wir uns sehr nah, man sprach über Musik, Kunst. […] Ich denke sehr gerne an jene Zeit zurück. […] Es war eine friedliche Zeit, abgesehen von den Umständen“.

Jüngst entspann sich in Italien eine Debatte, als man Meloni vorwarf, das Lied Su di noi“ für ihre politischen Zwecke missbraucht zu haben. Der Künstler, Pupo, meldete sich persönlich zu Wort: Seien sie rechts oder links, Atheisten oder Gläubige […], konservativ oder progressiv, Juventus oder AC Florenz Fans, seien sie Russen oder Ukrainer; ich bedanke mich bei all jenen, die meine Musik verwenden, denn die Musik gehört uns allen, wie die Kunst.“

Andere Größen der italienischen Pop- und Liedermachermusik sehen das nicht so. Luciano Ligabue zeigte sich bemüht, Salvini die Verwendung seiner Kunst im Rahmen etwaiger Wahlkampfvideos zu untersagen. Auch die Sängerin Elodie meldete sich zu Wort: Giorgia Meloni redet wie ein Mann aus dem Jahre 1922“. Vulgär aber sprechend ist auch die Reaktion der international schlicht als ‚Giorgia‘ bekannten Sängerin Giorgia Todrani. Sie gab kund: Auch ich heiße Giorgia, aber deswegen gehe ich euch damit ja nicht auf den Sack“.

Was kann man aus diesen, in ihrem Beisammensein fast skurrilen Einsichten in die italienische Polit- und Kulturlandschaft lernen? Wollen wir nicht alle manchmal in Gedanken in Mittelerde leben? Wären die Aufnahmen von Romano Mussolini All Stars am Ende bloß mittelmäßige Jazzscheiben? ‚Gehört‘ die Musik wirklich immer denen, die sie verwenden dürfen? Mit einem oft fälschlicherweise Karl Valentin zugeordneten Zitat lässt sich auch keine Antwort geben: Kunst ist schön, macht aber Arbeit“.

Autor
Til Eyinck ist Romanist und promoviert zur Sinnkonstitution fiktionaler Rede. Er spielt und singt Folk mit János e Fiammetta.

November 7, 2022